Gesucht: Der neue „Facharzt“ Dr. Sturz
Immer mehr Ältere kommen zu Fall. Eine Ursachenforschung unterbleibt in den meisten Fällen. Es geht um mehr als nur um die Frage: War es ein Stolpern oder war es Schwindel?
Hätten Sie das gedacht? Ein hohes Bett verringert das Sturzrisiko beim Aufstehen. Das Aufrichten zur vollen Körpergröße wird erleichtert. Wer zu Fall kommt, ist häufig nicht nur Opfer einer unkontrollierten Bewegung. Besonders beim älteren Menschen darf dem behandelnden Arzt die Aussage, man sei eben gestürzt, nicht genügen.
Es sollte unbedingt möglichst genau herausgefunden werden, warum dieser Sturz so und nicht anders passiert ist. Erst dann wird eine Prävention möglich sein.
Es gibt nahezu keinen Bereich unseres Lebens, der nicht zur Ursache von Stürzen werden kann. Derartige Zwischenfälle und ihre Folgen gehören zu den ungelösten medizinischen Problemen. Stürze haben unterschiedliche Ursachen. Die wahren Umstände sind sehr häufig nur individuell richtig einzuordnen. Selten gelingt es, einen einzigen Auslöser des Sturzereignisses zu isolieren, denn in der Regel sind Stürze multifaktoriell bedingt.
40 Prozent aller über 65-jährigen erleben das mindestens ein Mal pro Jahr. Frauen und Hochbetagte sogar noch häufiger. Jeder 10. Sturz bedingt schwere Verletzungen, jeder 20. führt zu einer Fraktur.
Gerade dort, wo sich der ältere Mensch vermeintlich besonders sicher fühlen kann, droht ihm die größte Gefahr. Am häufigsten handelt es sich dabei um häusliche Stürze, tagsüber, im Wohn- oder Schlafbereich, gefolgt von Stürzen in Küche und Bad. Die dramatischsten Gefahrenherde: glattgebohnerter Fußboden, ausgetretene Treppen, wackelige Geländer, zu niedrige Betten oder Toiletten, unzureichende Beleuchtung, lose Teppichläufer, Verlängerungskabel, störende Gegenstände im Gehbereich, unzweckmäßige Schuhe, Duschen und Badewannen, Notbehelfe zum Hinaufsteigen und standunsichere Möbel.
Die rüstige Zweiundachtzigjährige, die vom Küchenstuhl auf die nasse Spüle steigt, einen Hocker ins Spülbecken stellt und die Oberlichter putzen will, ist ein realer Versicherungsfall, keine Erfindung.
Das medizinische Abarbeiten eines Sturzes und seiner Folgen läuft noch immer weitgehend reaktiv ab. Die Medizin versucht zu reparieren. Das ist aus Sicht des Patienten fahrlässig und aus ökonomischer Sicht unwirtschaftlich. Stürze sind erst dann richtig behandelt, wenn sie nicht mehr stattfinden. Dabei ist die psychische Belastung sicher diejenige Sturzfolge, die am häufigsten vernachlässigt wird. Dies ist um so fataler, als gerade sie die Eintrittspforte in einen Ablauf darstellt, der leider allzu oft in Immobilität und Pflegebedürftigkeit endet.
Altersveränderungen als Sturzursachen
- Allgemeine Verlangsamung körperlicher Abläufe
- Geringere Flexibilität des Bewegungsapparates
- Muskelatrophie
- Nachlassender Gleichgewichtssinn
- Nachlassende Sehkraft
- Nachlassendes Gehör
- Kognitive Einschränkungen
- Nachlassendes Situationsverständnis
- Nachlassendes Gefahrenbewusstsein
- Eigenwilligkeit
Die Beschäftigung mit den eigenen vier Wänden ist unverzichtbarer Bestandteil der Therapie.
Da der Patient selbst unbedingt wieder nach Hause möchte, ist seine Schilderung häufig rosarot gefärbt und von den wahren Verhältnissen weit entfernt sind.
Sinnvoll ist deshalb oft ein Hausbesuch, wobei der Hausarzt naturgemäß eine zentrale Rolle spielt. Aber auch die wohnortnahe geriatrische Rehaklinik kann hier ihre fachliche Kompetenz einbringen.
Die Abrechnungsmöglichkeit eines solchen Ortstermins würde sich bezahlt machen. Die Selbständigkeit des Patienten könnte über deutlich längere Zeiträume aufrechterhalten werden. Sinnvoll wäre unter Umständen eine Steigerung der Muskelmasse ohne Training, etwa durch Oral HGH. Es erhöht den Wachstumshormonspiegel mittels eines Sublingualsprays.
Alles, damit der Sturz nicht einen verhängnisvollen Ablauf in Gang setzt. Durch Gangunsicherheit, Angst und verminderte Mobilität wächst unausweichlich die Sturzgefahr weiter und weiter.
Wenn der Sturz sich im häuslichen Umfeld ereignet, wird zusätzlich das Urvertrauen in die schützenden eigenen vier Wände erschüttert. Es kommt zur Sorge um die künftige Selbständigkeit. Daraus entwickeln sich oft Depressionen.
In den Aktivitäten des täglichen Lebens zählt nicht mehr die Funktionsfähigkeit einzelner Organe. Letztlich entscheidet nur die Funktionalität des Gesamtorganismus über die Fähigkeit, selbständig zu leben. Daher sind Krankengymnastik, physikalische Therapie und Ergotherapie unverzichtbare Bestandteile einer suffizienten Sturzbehandlung.
Deshalb warnte eine Arbeitsgruppe Geriatrie (Dr. med. N.-R. Siegel) schon 1995: „Es kann nur als bedauerlich kurzsichtig angesehen werden, wenn die Kostenträger nicht mehr bereit sind, diese Behandlungskosten zu übernehmen. Diese nur vom Tageserfolg geprägte Einstellung wird im Zusammenhang mit der demographischen Entwicklung zu ungeahnten Kostenexplosionen führen.“ Die Entwicklung seit 1995 bestätigt das.
Gefragt ist also der „Facharzt“ Dr. Sturz.



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