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Melatonin – viel mehr als ein Schlaf hormon
Interview mit Dr. med. Jan-Dirk Fauteck, Experte für Chronobiologie
Woran merke ich, dass mein Pinealorgan schlapp macht?
Dr. Jan-Dirk Fauteck: Die wesentlichen Hinweise umfassen Einschlafstörungen, frühes Aufwachen, das sich zu Durchschlafstörungen entwickelt, eine Abnahme des Träumens, tagsüber Schlappheit, Müdigkeit und eine gewisse Unlust, ins Bett zu gehen, ein Verhalten, das der Volksmund senile Bettflucht bezeichnet. Es hat mit dem Alter nichts zu tun – es ist das Fehlen von Melatonin.
Nach welchen Symptomen forscht zusätzlich der Mediziner?
Dr. Jan-Dirk Fauteck: Auch Anzeichen einer Vorstufe von Diabetes könnten im Spiel sein. Man spricht von der hyperinsulinämischen Phase ... sobald sie diagnostiziert ist, sollten die Melatoninwerte ermittelt werden. Auch nächtlicher Harndrang, besonders bei nicht bestehender gutartiger Prostatavergrößerung, könnte auf Melatoninmangel beruhen – wegen des fehlenden antidiuretischen Hormons, ADH.
Wie wird der Melatoninwert ermittelt?
Dr. Jan-Dirk Fauteck: Man müsste Melatonin nachts in völliger Dunkelheit messen. In speziellen Schlaflabors liegen Testpersonen mit einer Kanüle im Arm, für eine Blutabnahme, ohne das Licht anzumachen. Wir wissen: Bereits wenige Sekunden gleißenden weißen Lichts können den Blutspiegel dieses Botenstoffs abstürzen lassen. Eine weitere Möglichkeit bietet die Analyse von Speichelproben, in Abständen über den Tag und die Nacht verteilt. Ein Einfachtest vergleicht den Tagesurin gegen eine Nachtprobe – das ist aber wenig aussagekräftig.
Was soll der Test ergeben?
Dr. Jan-Dirk Fauteck: Sollte ein Verhältnis eins zu acht in Bezug auf ein spezielles Melatonin-Abbauprodukt bestätigt werden, ist das Okay. Der nächtliche Höchstwert sollte das Achtfache des Tageswertes ausmachen.
Ab wann sollte getestet werden?
Dr. Jan-Dirk Fauteck: Generell ist das ab dem 65. Lebensjahr empfehlenswert – im Schlaflabor, beim Endokrinologen, beim Internisten oder mit dem Test-Kit eines Speziallabors. Bekannt ist: Sieben von zehn Personen über 65 haben ein ausgeprägtes Melatonindefizit – oder sie werden es in den nächsten fünf Jahren ausprägen.
Welchen Beitrag liefert der Lebensstil?
Dr. Jan-Dirk Fauteck: Wenn wir die Nacht zum Tag machen, hat das für den Organismus den gleichen negativen Effekt, wie wenn der Körper gar kein Melatonin mehr entwickeln kann. Alle nachgeschalteten Hormonsysteme werden gestört. Ein besonderes Problem ist die so
genannte Lichtverschmutzung, das Verschwinden der Dunkelheit. Hier werden alle inneren Uhren täglich verstellt.
Wie funktioniert es, dass die innere Uhr täglich neu gestellt wird?
Dr. Jan-Dirk Fauteck: Es gibt zwei Theorien zu unserem 24-Stunden-Tag. Vermutlich hat die Natur sich gedacht: Besser eine Uhr ungenau über die Zeit laufen zu lassen, und sie wird durch Licht und Dunkelheit jeden Tag korrigiert – als ein System, das immer exakt laufen soll und das vielleicht nicht schafft. Oder möglicherweise dauerte in der Evolution eine Erdumlaufbahn 25 Stunden, und das Pinealorgan ist noch so programmiert. Melatonin ist gesehen, eines der ältesten Hormone.
Ist der Begriff Schlafhormon eigentlich zutreffend?
Dr. Jan-Dirk Fauteck: Er ist griffig, sagt aber zu wenig über die Bedeutung aus. Die Kenntnisse über Melatonin haben die Chronobiologie des menschlichen Körpers verständlicher und therapierbarer gemacht. Wir bedenken häufig nur die circadianen Effekte. Zusätzlich zählen noch die eminent wichtigen Wirkungen, die mit der neuronalen Aktivität des Gehirns zu tun haben. Das betrifft neben dem Schlaf vor allem die geistige Fitness, die Homöostase und auch das perfekte Zusammenspiel aller anderen Hormone. Zusätzlich zu seiner Bedeutung als Mutterhormon der Chronobiologie ist Melatonin ein sehr starkes Antioxidans mit hervorragender Wirkung besonders im zentralen Nervensystem. Dorthin kommen die meisten anderen Substanzen gar nicht erst.
Also einen Mangel unbedingt ausgleichen…
Dr. Jan-Dirk Fauteck: Ja. Dabei ist zu beachten: Melatonin muss mindestens sechs bis sieben Stunden wirksam sein. Eine nur schnelle Freisetzung ist zu vermeiden, da diese Wirkung nach 30 Minuten schon stark reduziert ist.



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