
Zwei Menschen können gleich alt sein und sich biologisch trotzdem deutlich unterscheiden. Während der eine körperlich leistungsfähig bleibt, können beim anderen bereits Veränderungen auftreten, die mit einem höheren Risiko für altersbedingte Erkrankungen verbunden sind. Genau hier setzt die Forschung an den sogenannten biologischen Alterungsuhren an. Sie sollen nicht lediglich zählen, wie viele Jahre seit der Geburt vergangen sind. Stattdessen versuchen sie, messbare biologische Veränderungen zu erfassen, die mit dem Alterungsprozess zusammenhängen.
Was eine „Alterungsuhr“ überhaupt misst
In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche Verfahren entwickelt, mit denen sich biologische Alterungsprozesse untersuchen lassen. Besonders intensiv erforscht werden sogenannte epigenetische Alterungsuhren, die Veränderungen der DNA-Methylierung auswerten. Die große Hoffnung: Wenn solche Biomarker zuverlässig auf Veränderungen des Alterungsprozesses reagieren, könnten sie künftig helfen, Anti-Aging- und Longevity-Interventionen schneller und objektiver zu untersuchen. Eine aktuelle Studie in Nature Medicine hat nun untersucht, wie empfindlich verschiedene epigenetische Alterungsmarker auf unterschiedliche Interventionen beim Menschen reagieren
Besonders bekannt sind die sogenannten epigenetischen Uhren. Sie beruhen auf Veränderungen der DNA, genauer gesagt auf bestimmten Mustern der DNA-Methylierung. Die DNA-Sequenz selbst bleibt dabei unverändert. Stattdessen verändern sich chemische Markierungen an der DNA im Laufe des Lebens. Diese Veränderungen können mit Alter, Umweltfaktoren und verschiedenen biologischen Prozessen zusammenhängen. Wissenschaftler nutzen große Datensätze, um typische Muster solcher Veränderungen mit dem chronologischen Alter oder mit gesundheitlichen Merkmalen in Verbindung zu bringen. Daraus entstehen Modelle, die anschließend eine Art biologisches Alter oder ein Maß für die Alterungsgeschwindigkeit berechnen können.
Dabei gibt es allerdings nicht die eine biologische Uhr. Unterschiedliche Modelle wurden für unterschiedliche Fragestellungen entwickelt. Einige sind stärker mit dem Sterberisiko verbunden, andere versuchen eher abzubilden, wie schnell sich Alterungsprozesse verändern. Wieder andere berücksichtigen bestimmte biologische Systeme. Diese Unterschiede sind entscheidend, wenn man wissen möchte, ob eine Anti-Aging-Maßnahme tatsächlich wirkt.
Die neue Studie untersucht 51 Interventionen
Forscher haben für eine aktuelle Untersuchung die sogenannte TranslAGE-Datenbank aufgebaut. Darin wurden 51 öffentliche und private Längsschnittstudien zu Interventionen beim Menschen zusammengeführt. Anschließend berechneten die Wissenschaftler für jede Studie die Ergebnisse von 16 bekannten epigenetischen Alterungsuhren sowie von 94 weiteren DNA-Methylierungsmarkern. Damit wollten sie eine grundlegende Frage beantworten: Reagieren biologische Alterungsmarker überhaupt messbar auf Maßnahmen, die den Alterungsprozess beeinflussen sollen?
Die Antwort lautet: teilweise. Von den untersuchten Interventionen führten 19 zu einer statistisch signifikanten Verringerung des epigenetischen Alters über die untersuchten Biomarker hinweg. Nach einer strengeren Korrektur für Mehrfachtests blieben 13 Interventionen übrig. Gleichzeitig zeigten fünf Interventionen eine signifikante Zunahme des gemessenen epigenetischen Alters, wobei nach der Korrektur drei übrig blieben. Bei 26 Interventionen ließ sich keine signifikante Veränderung feststellen. Das Ergebnis ist deshalb interessant, weil es zeigt, dass Alterungsuhren nicht bei jeder Intervention automatisch eine Veränderung anzeigen.
Nicht jede Uhr reagiert gleich
Besonders deutlich wurde, dass verschiedene Alterungsuhren unterschiedlich empfindlich auf Interventionen reagieren. Modelle, die speziell mit Sterblichkeitsrisiken oder der Geschwindigkeit des Alterungsprozesses verbunden sind, zeigten in der Untersuchung besonders konsistente Reaktionen. Auch pharmakologische und Lebensstil-Interventionen beeinflussten bestimmte DNA-Methylierungsmarker stärker als andere Maßnahmen. Das bedeutet gleichzeitig: Ein einzelner Alterswert reicht möglicherweise nicht aus, um den Erfolg einer Anti-Aging-Intervention zu beurteilen.
Eine Behandlung könnte beispielsweise bestimmte biologische Prozesse verändern, ohne dass dies von einer bestimmten Uhr erfasst wird. Umgekehrt kann eine Veränderung eines Biomarkers auftreten, ohne dass damit automatisch eine Verbesserung der Gesundheit oder eine längere Lebensspanne verbunden ist.
Die Forscher sehen deshalb sogenannte „erklärbare“ Alterungsuhren als besonders interessant an. Diese liefern neben einem Gesamtwert zusätzliche Teilergebnisse, die Hinweise darauf geben können, welche biologischen Prozesse sich verändert haben.
Wird ein Mensch wirklich jünger, wenn die Uhr zurückgeht?
Das ist eine der wichtigsten Fragen der aktuellen Longevity-Forschung. Wenn ein Test beispielsweise feststellt, dass sich ein bestimmter epigenetischer Alterswert nach einer Intervention verringert hat, bedeutet das zunächst nur, dass dieser Biomarker sich verändert hat. Daraus lässt sich nicht automatisch ableiten, dass ein Mensch tatsächlich jünger geworden ist.
Für einen echten Nachweis müssten solche Veränderungen mit konkreten gesundheitlichen Ergebnissen verbunden werden. Dazu gehören beispielsweise körperliche Leistungsfähigkeit, kognitive Funktionen, das Auftreten altersbedingter Erkrankungen oder langfristig auch Sterblichkeit.
Genau deshalb sind biologische Alterungsuhren derzeit vor allem Forschungsinstrumente. Sie können helfen, biologische Veränderungen schneller zu erfassen, ersetzen aber keine langfristigen klinischen Untersuchungen.
Warum diese Messungen für die Longevity-Forschung trotzdem wichtig sind
Das Problem der klassischen Altersforschung ist die Zeit. Wenn Forscher wissen wollen, ob eine Intervention tatsächlich die Lebensspanne verlängert, müssten sie Menschen theoretisch über Jahrzehnte beobachten. Für klinische Studien ist das kaum praktikabel.

Biomarker könnten hier eine Abkürzung ermöglichen. Wenn sich eine Messgröße zuverlässig verändert und später nachweislich mit gesundheitlichen Ergebnissen zusammenhängt, könnte sie als Zwischenparameter in klinischen Studien eingesetzt werden. Genau deshalb ist die Validierung solcher Alterungsuhren für die Longevity-Forschung so wichtig.
Ein Editorial in Nature Medicine betonte im August 2026 ebenfalls, dass die Alterungsforschung zuverlässige Biomarker benötigt, um Anti-Aging-Interventionen objektiv beurteilen zu können. Gleichzeitig warnen die Autoren davor, aus einzelnen Biomarker-Veränderungen vorschnell auf einen klinischen Anti-Aging-Effekt zu schließen.
Auch das biologische Alter kann auf unterschiedliche Weise gemessen werden
Epigenetische Uhren sind längst nicht die einzige Möglichkeit. Forscher entwickeln inzwischen Modelle auf Grundlage von Proteinen im Blut, Stoffwechselprodukten, Genaktivität, medizinischen Daten oder bildgebenden Verfahren. Wie unterschiedlich solche Ansätze sein können, zeigt eine weitere aktuelle Studie aus Nature Medicine. Das MULTI-Konsortium entwickelte 38 geschlechtsspezifische biologische Alterungsuhren für 15 verschiedene Organsysteme.
Die Untersuchung zeigte, dass sich Alterungsmuster zwischen Frauen und Männern sowie zwischen verschiedenen Organen unterscheiden können. Die Modelle waren zudem mit unterschiedlichen Stoffwechsel-, Immun-, Gefäß- und neurologischen Merkmalen verbunden. Das spricht dafür, dass biologisches Alter möglicherweise gar keine einzige Zahl ist. Ein Mensch könnte beispielsweise in bestimmten biologischen Bereichen relativ langsam altern, während andere Organsysteme bereits stärkere altersbezogene Veränderungen zeigen.
Eine neue Generation von Alterungsuhren
Die Entwicklung geht deshalb zunehmend in Richtung komplexerer Modelle. Anstatt lediglich eine Zahl wie „biologisches Alter: 52 Jahre“ auszugeben, versuchen neuere Verfahren, verschiedene biologische Systeme getrennt zu betrachten.
Ein weiterer aktueller Ansatz nutzt sogar medizinische Vorgeschichten und elektronische Gesundheitsdaten. Eine Ende September 2026 in npj Aging veröffentlichte Studie stellte mit EHR-AGE ein Modell vor, das biologische Alterung auf Basis medizinischer Verlaufsdaten erfassen soll. Die Arbeit zeigt, dass sich auch klinische Routinedaten für die Entwicklung von Alterungsmodellen nutzen lassen. Damit könnte sich das Konzept der biologischen Uhr von einem einzelnen Laborwert hin zu einem umfassenderen Profil entwickeln.
Was bedeutet das für Anti-Aging-Mittel?
Für die Bewertung von Nahrungsergänzungsmitteln, Medikamenten oder anderen Longevity-Strategien sind die neuen Methoden grundsätzlich interessant. Sie könnten Forschern helfen herauszufinden, ob eine Intervention überhaupt messbare biologische Veränderungen hervorruft. Doch ein niedrigeres biologisches Alter auf einem Test sollte nicht mit einer nachgewiesenen Verjüngung gleichgesetzt werden.

Das gilt insbesondere für kommerzielle Tests, die mit einem einzelnen biologischen Alterswert werben. Unterschiedliche Anbieter verwenden unterschiedliche Messverfahren und Modelle. Ein Ergebnis kann deshalb nicht ohne Weiteres mit dem Ergebnis eines anderen Tests verglichen werden. Auch ein Unterschied von mehreren Jahren beim errechneten biologischen Alter bedeutet nicht zwangsläufig, dass sich die Lebenserwartung um mehrere Jahre verändert.
Die eigentliche Herausforderung beginnt erst nach der Messung
Die aktuelle Forschung verschiebt damit eine wichtige Frage. Früher ging es vor allem darum, ob man das biologische Alter messen kann. Heute lautet die entscheidendere Frage: Welche Messung zeigt tatsächlich eine relevante Veränderung des Alterungsprozesses?
Die neue Nature Medicine-Studie liefert dafür einen wichtigen Beitrag. Sie zeigt, dass einige Alterungsmarker auf Interventionen reagieren und dass bestimmte Uhren dabei deutlich empfindlicher sein können als andere. Gleichzeitig reagieren nicht alle Marker gleich und nicht jede untersuchte Intervention führte zu einer messbaren Verbesserung. Damit wird deutlich, warum ein einzelner „Biological Age“-Wert nicht ausreicht, um eine Anti-Aging-Therapie zu bewerten.
Vom Laborwert zur echten Gesundheitsverbesserung
Die langfristige Vision ist dennoch interessant: Wenn Forscher zuverlässig messen können, wie sich Alterungsprozesse in verschiedenen Geweben verändern, könnten solche Biomarker eines Tages helfen, neue Longevity-Therapien schneller zu untersuchen. Dafür müssen die Messverfahren allerdings zunächst zeigen, dass ihre Veränderungen tatsächlich mit gesundheitlich relevanten Ergebnissen zusammenhängen.
Die Forschung befindet sich hier noch in einer Entwicklungsphase. Die aktuellen Studien liefern wichtige Werkzeuge und zeigen, dass biologische Alterungsmarker auf bestimmte Interventionen reagieren können. Sie beweisen jedoch nicht, dass eine Veränderung der „Alterungsuhr“ automatisch bedeutet, dass ein Mensch länger oder gesünder lebt.
Das biologische Alter könnte damit zu einem wichtigen Werkzeug der Longevity-Forschung werden. Ob eine zurückgestellte biologische Uhr tatsächlich eine langsamere Alterung bedeutet, ist jedoch eine Frage, die die Forschung erst noch endgültig beantworten muss.



